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Sargverbot in China – Tradition muss Profitgier weichen

Praktisch denken – Särge schenken … und schon ist wieder Schluss mit lustig. Denn die Zeitungsmeldung vom 29.05.2014 in den Nürnberger Nachrichten (afp) mit der Überschrift „China: Selbstmorde wegen Sargverbot“ lässt selbst den größten Zynikern die Lust an humorigem Sarkasmus vergehen. Im nur wenige Zeilen umfassenden Artikel wird davon berichtet, dass man sich im Land der aufgehenden Sonne wieder mal etwas Neues hat einfallen lassen, um der ohnehin schon in weiten Teilen geplagten Bevölkerung das Leben noch ein gutes Stück schwerer zu machen. Oder sollte es besser heißen: Sterben soll schwieriger werden?

Worum geht’s? Eine Pekinger Zeitung berichtet von einem Behördenbeschluss der Stadt Anqing. Danach sollen ab Stichtag 1. Juni 2014 keine Erdbestattungen mehr erlaubt sein, stattdessen werden Einäscherungen zwingend vorgeschrieben. Die offizielle Begründung für diese drastische Maßnahme: Der Grund und Boden in China würde dringend für Landwirtschaft und Baumaßnahmen benötigt. Anscheinend gibt es im Riesenreich davon so wenig, dass man keinen Quadratmeter davon für die Bestattung von Menschen opfern möchte. Die vorhandenen Friedhöfe reichen offensichtlich für künftige Urnenbestattungen gerade noch aus, aber für Särge ist wohl kein Platz mehr. Wer nun denkt, diese Info käme in seiner Tragweite ungefähr an den Sack Reis heran, der in China ab und zu mal umfällt, hat aus unserer westlichen Sicht vielleicht Recht. Mich hat die Geschichte dennoch aufgeregt, denn sie geht noch weiter.

In China spielt die Verehrung der Ahnen eine unglaublich große Rolle. Es gilt als unehrenhaft, seine Verstorbenen nicht angemessen zu bestatten. Angemessen heißt: Es muss eine Erdbestattung sein mit einer Grabstätte, die dem Totenkult in China Rechnung tragen kann. Einäscherungen und Urnenbestattungen kommen in dieser Kultur nicht vor. Die Aussicht gerade der älteren Chinesen, nach ihrem Tod nicht würdig verehrt werden zu können, ist grauenhaft. Wir können das aus unserer Sicht nicht nachvollziehen. Wenn man aber berücksichtigt, dass sich wegen der Änderung der Bestattungsvorschriften bereits einige ältere Menschen das Leben genommen haben, wird die Tragweite dieses Beschlusses schon klarer. Die Selbstmörder wollten lieber unehrenhaft durch eigene Hand sterben, aber dafür vor dem Stichtag 01. Juni 2014 ordentlich beerdigt werden.

Die chinesischen Behörden kennen natürlich ihre Pappenheimer, in diesem Fall ihre Bewohner der Stadt Anqing und versuchten, mögliche Anreize zu solchen Kurzschlusshandlungen zu unterbinden.  Sie machten sich nämlich bereits einige Wochen vor dem Stichtag auf, bereits vorhandene Särge einfach zu beschlagnahmen und zu zerstören. Im Einzelfall sah das so aus: Eine 83-Jährige hatte für ihren späteren Tod schon alles vorbereitet und auch der Sarg stand schon bereit. Die zuständigen Mitarbeiter der Behörde zersägten den Sarg vor den Augen der bis ins Mark erschütterten alten Dame. Diese sah sich der Chance auf eine ehrenhafte Beerdigung endgültig beraubt und entschied sich daraufhin trotzdem aus Verzweiflung für den Freitod. Und nun kommt der Gipfel der Frechheit: Die offiziellen Stellen gaben eine Erklärung ab, in der behauptet wurde, die alten Menschen hätten ihre Särge freiwillig abgegeben.

Mir stellt sich jetzt die Frage, welche Interessen wirklich für die Missachtung einer Jahrtausende alten Tradition verantwortlich sind. Sind es chinesische Baukonzerne (Bauland) oder steht die Lebensmittelindustrie (Agrarland) dahinter? Oder sind es gar finanzielle Interessen von irgendwelchen Spekulanten? In jedem Fall wird eine Portion Profitgier eine Rolle spielen. Wir werden es nicht erfahren, aber man darf ja mal darüber nachdenken. Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese neuen Sitten nicht im restlichen China breitmachen, damit den Menschen ihre so wichtigen Traditionen erhalten bleiben können.

 

Autorin: Jutta Dörnhöfer-Schneider