Bullshit oder was? Quai West am Staatstheater Nürnberg


Quai West am 07.03.15 in der Staatsoper Nürnberg

Was bin ich froh, dass das Höchstmaß an Scheußlichkeit einer modernen Oper auch tatsächlich in einer modernen Oper stattfindet und nicht, wie es leider immer wieder passiert, an eigentlich traditionellen Stücken solange heruminszeniert wird, bis sie als modern gelten. Insofern passt es dann ja auch, denn der geplagte Zuschauer kann sich während der Vorstellung immer wieder vor Augen halten, dass Musik, die den Ohren weh tut und eine Handlung, die keiner verstehen kann halt eben zu einer modernen Oper gehören müssen. Ich warte ja immer noch auf den Tag, wo dieses Vorurteil mit einer Brillianz von der Bühne gefegt wird, die Ihresgleichen sucht – aber wie gesagt, ich warte noch und am 07.03.15 erlebte die Warteschleife eine Fortsetzung. 

Um eines mal gleich vorweg zu sagen: Die Sänger und das Orchester warteten wie gewohnt mit Bestleistung auf. Aber aus einer disharmonischen Komposition und einem Libretto, das zur Aufklärung der verworren erscheinenden Handlung keinen wesentlichen Deut beiträgt, kann eben auch der beste Sänger nicht mehr machen, als hier auf die Bühne gebracht wurde. Aber fangen wir mal am Anfang an, das macht Sinn.

Gleich zu Beginn, früher nannte man das Ouvertüre, aber ich kann mir vorstellen, dass es auch das nicht mehr in der modernen Oper gibt – vernahmen meine Ohren Faszinierendes. Ein leiser Ton, harmonisch und verheißungsvoll. Meine zugegebenermaßen vorhandene Skepsis gegen alles Neue in der klassischen Musik begann zu schwanken. Das wird doch nicht etwa etwas ganz Tolles werden? Meine Konzentration stieg, ich lauschte begeistert, bis zu dem Moment, in dem ein fürchterlich lautes, klapperndes und völlig unharmonisches Geräusch meine Sitznachbarin dazu veranlasste, sich spontan die Ohren zuzuhalten. Zu dieser nachvollziehbaren Reaktion war ich nicht fähig, denn meine visuelle Wahrnehmung drängte meine Fähigkeit, zu hören in den Hintergrund. Das erste optische Highlight betrat die Bühne. Ein Bild von einem Mann, nackter Oberkörper, perfekter Sixpack und eine Körperbemalung (oder waren das echte Tattoos?) die das Fehlen eines Opernglases wieder einmal schmerzlich bewusst werden ließ. Mr. Sixpack schritt über die Bühne, hob mal die Arme, blickte mal ins Publikum und dann wieder gegen die Wand und schon war er wieder weg. Gesungen hat er nicht. Diese stimmliche Verweigerung hat er übrigens das ganze Stück hindurch durchgehalten. Zu hören war nix, aber seine Bühnenpräsenz war trotzdem nicht zu übersehen. Über weite Strecken der undurchsichtigen Handlung lag sein Part inhaltlich ziemlich im Nebel der Erkenntnis verborgen. Am Ende kam er dann aber doch noch zum Zug, aber dazu später.

Ein weiterer Mann betrat die Bühne, singend natürlich. Aus dem angezeigten Text kann man ersehen, dass er offensichtlich lebensmüde ist. Eine Frau spielt auch noch mit, in welcher Rolle ist nicht ganz klar. Beide singen. Sie singen schön, aber die Musik tut immer noch weh. Schnitt. Im weiteren Verlauf spielen noch zwei Frauen singend mit. Außerdem gibt es noch einen ziemlich mistig wirkenden Mann, einen aufgeweckten Jüngling, von dem man von Anfang bis zum Ende nicht weiß, ob er zu den Guten oder zu den Bösen gehört und dann gibt es noch einen männlichen Part. Nicht zu vergessen Mr. Sixpack. Irgendwann ging mir ein Licht auf. Eine der Frauen und einer der Männer sind offensichtlich die Eltern des Aufgeweckten und von einer der anderen Frauen. Letztere wird von dem Mistigen ständig bedrängt, irgendwo rein zu gehen. Wohin ist dem Zuschauer nicht klar, denn die Szenen, in denen sie aufs Übelste bedroht, bestochen oder gelockt werden soll, spielen immer wieder vor einer anderen Örtlichkeit. Aber das ist nicht die einzige Unklarheit an dem Ganzen.

Klingt ziemlich wirr, oder? Ist es auch. Ach was war das früher doch so einfach, wenn Otto Normalverbraucher mit Lieschen Müller in die Oper ging. Da gab es zwar von Mord und Totschlag über Entführungen bis hin zu hinterhältigen Intrigen allerlei Verbrechen, aber der Zuschauer wusste zumindest immer … ja wirklich immer, wer der Böse und wer der Gute war. Den Bösen erkannte man am Dolch im Gewande und die Prinzessin hatte ein schönes Kleid an. Der Held rettete die Prinzessin, der Böse fällt in ein Loch und alles ist gut. Bei Quai West geht es offenbar nicht darum, wer wem was tun will, obwohl gerade das in der Zusammenfassung der Handlung zu lesen steht. Es geht nämlich angeblich darum, wer wem folgt und wer wen führt. Und es geht ums Tauschen und um Strategien des menschlichen Zusammenlebens in einer Welt voller Gier und Überdruss. Gut zu wissen, denn wenn man den Auf- und Abgängen der Protagonisten so zuschaut, käme man niemals auf die Idee, dass die einzelnen Szenen irgendwie zusammenhängen könnten. Was deutlich wird: Der Mann vom Anfang (also nicht Mr. Sixpack, sondern der Zweite) will sich offenbar immer noch das Leben nehmen. Irgendwie geht’s um Geld. Sein Plan klappt aber nicht. Dafür wird viel über einen Jaguar gesungen, der als Fluchtauto dienen soll. Wer vor wem flüchten will? Unwichtig, wie die Antwort auf die Frage, warum die Frau, die mit dem potentiellen Selbstmörder irgendwas zu tun hat (lt. Zusammenfassung handelt es sich um seine Sekretärin), nicht einfach diesen ungastlichen Ort Quai West verlässt, wo sie das doch ständig so dringend herbeisingen möchte. Fast jede Zeile, die sie singt, beginnt mit „Mein Gott“. Sehr einfallsreich. Apropos Text. Leider habe ich nicht mitgezählt, aber „Bullshit“ kommt gefühlte 195 Mal vor und zwar immer dann, wenn es passt – oder auch nicht.

Zurück zum Dolch im Gewande, der den Bösen kennzeichnen könnte, wenn es denn eine altmodische Oper wäre. Stattdessen gibt es bei Quai West einen Zylinderkopf. Jawohl, Sie haben richtig gelesen. Selbst ich weiß, dass ein Auto ohne Zylinderkopf nicht fahren kann. Einer der männlichen Rollen weiß das auch und trägt deshalb das Teil mit sich herum, in der Jackentasche. Er zeigt es immer mal her, erstens, damit darüber ein Lied gesungen werden kann und zweitens, um die Sekretärin zu erschrecken. Mein Gott … Bullshit!

In dem ganzen Tohuwabohu gibt es dann auf einmal eine Leiche. Derjenige, der sich anfangs das Leben nehmen wollte, ist nun plötzlich tot. Keiner weiß warum, aber er wird an den Händen bäuchlings über die Bühne gezogen. Nun ja, müßig, sich darüber Gedanken zu machen, wie das Unglück denn geschehen konnte, denn schon ist wieder Mr. Sixpack im Spiel. Nachdem er vom Aufgeweckten einen halben Apfel bekommen hat, von der Mutter des Aufgeweckten um eine Zigarette gebeten wurde und auch sonst immer mal irgendwo mittendrin war, erhält er plötzlich vom Vater des Aufgeweckten eine Waffe und den Auftrag, damit zu morden. Warum? Wen? Egal. Gesungen hat er immer noch nicht.

Am Ende erleben die Zuschauer einen Schock, denn plötzlich wird so laut geschossen, dass ich froh bin, im zweiten Rang zu sitzen – also doch mit gebührendem Abstand zur Gefahrenzone. Der Aufgeweckte fällt tot um. Ende der Vorstellung.

Fazit:

Positiv ist zu sehen, dass die Vorstellung nur 85 Minuten dauert und ohne Pause gespielt wird.

Die Klänge einer E-Gitarre in der Oper zu hören, war für mich eine tolle Überraschung

Ich finde es gut, wenn auf dem Spielplan der Nürnberger Oper auch moderne Stücke ihren Platz finden und ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass Quai West in Nürnberg seine deutsche Uraufführung hatte!

Negatives möchte ich hier gar nicht anführen, denn nur, weil ich die Handlung erst dann zumindest ansatzweise begriffen habe, als ich im Internet nach den Zusammenhängen recherchiert habe und weil mir persönlich die Musik sowas von überhaupt nicht gefallen hat, muss die Oper ja nicht schlecht sein.

Anschauen kann man sie derzeit nicht mehr, denn am 07.03.15 war die letzte Vorstellung

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